Vor einem Jahr standen die Zeichen für erneuerbaren Agrardiesel auf Abwarten. Inzwischen haben sich gleich mehrere Vorzeichen gedreht. Eine nüchterne Bestandsaufnahme zwischen Steuerwende, Herstellerfreigaben und einer Frage, die weiterhin auf eine Antwort wartet.
Wer im Frühjahr 2025 über die Zukunft des Hofdiesels schrieb, ging von einem klaren Pfad aus. Die Steuervergünstigung für Agrardiesel sollte bis 2026 auf null sinken, hydriertes Pflanzenöl galt als teurer Importkraftstoff ohne steuerliche Entlastung. Ein Jahr später passt diese Beschreibung kaum noch. Auf den Höfen ist tatsächlich etwas in Bewegung geraten, und das aus einem Bündel von Gründen, die im vergangenen Jahr so noch nicht absehbar waren.
Den größten Unterschied macht die Politik. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat im September 2025 bestätigt, dass land- und forstwirtschaftliche Betriebe ab dem 1. Januar 2026 wieder 21,48 Cent je Liter Diesel zurückerhalten. Für die Branche bedeutet das eine jährliche Entlastung von rund 430 Millionen Euro. Der schrittweise Ausstieg aus der Beihilfe, der den Hofdiesel bis 2026 schrittweise verteuert hätte, ist damit vom Tisch.
Spannender für erneuerbare Kraftstoffe ist eine zweite Entscheidung, die im Schatten der Agrardiesel-Debatte fast unterging. Seit dem 1. Januar 2026 gilt die Entlastung von 21,48 Cent je Liter auch für Pflanzenölkraftstoff, Biodiesel und hydriertes Pflanzenöl. Tatsächlich gab es eine solche Begünstigung schon einmal: Bis Ende 2021 wurden Biokraftstoffe in der Landwirtschaft mit rund 45 Cent je Liter entlastet, danach fiel die Begünstigung ersatzlos weg, weil die beihilferechtliche Genehmigung der EU-Kommission ausgelaufen war. Der aktuelle Satz von 21,48 Cent liegt unterhalb der früheren Entlastung, ist aber ein konkreter erster Schritt zurück. Die Rechtsgrundlage bildet die Neufassung von § 57 des Energiesteuergesetzes; das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) hat die Regelung in seiner Pressemitteilung vom 10. September 2025 bestätigt, die genauen Entlastungsvoraussetzungen für HVO hat der Zoll auf zoll.de konkretisiert.
Hydriertes Pflanzenöl, kurz HVO, ist ein paraffinischer Dieselkraftstoff nach der Norm EN 15940. Seine Eigenschaften ähneln fossilem Diesel so weit, dass moderne Motoren ohne Umbau damit laufen. Der Kraftstoff lässt sich pur als HVO100 tanken oder in beliebigem Verhältnis beimischen. Gewonnen wird er aus Rest- und Abfallstoffen wie Altspeiseöl und tierischen Fetten. Palmöl ist seit der Einstufung als Rohstoff mit hohem ILUC-Risiko durch die EU praktisch vom deutschen Markt verschwunden.
Die Hersteller ziehen mit. CLAAS liefert seine Erntemaschinen und Traktoren der Abgasstufe Stage V seit Oktober 2023 ab Werk mit HVO im Tank aus. MAN hat seine Off-Road-Motoren für die aktuellen Emissionsnormen freigegeben. Einen Überblick schafft seit April 2026 eine Marktübersicht des Technologie- und Förderzentrums (TFZ) im bayerischen Straubing, für die 120 Hersteller befragt wurden. Sie listet Freigaben für HVO, Biodiesel-Reinkraftstoff B100, Biodiesel-Mischungen sowie Rapsölkraftstoff.
Dass die Praxis hält, was die Datenblätter versprechen, zeigt ein Versuch der Bayerischen Staatsgüter. Über mehrere Monate stellte das TFZ deren Traktoren auf HVO um und begleitete den Betrieb wissenschaftlich. Technische Störungen traten dabei keine auf. Auch die Verfügbarkeit hat sich schneller entwickelt als erwartet. Laut eFuelsNow bieten mittlerweile über 2.000 Straßentankstellen in Deutschland HVO-Produkte an, darunter mehrere hundert mit reinem HVO100.
Ein realistisches Bild gehört dazu. Volumenbezogen liefert HVO etwas weniger Energie als Diesel, weshalb der Verbrauch in Litern leicht höher ausfällt. Die Motorleistung bleibt nach bisherigen Praxiserfahrungen gleich, der Ausstoß von Partikeln und Stickoxiden sinkt laut Herstellerangaben messbar. Wer ältere Maschinen ohne Freigabe umstellt, sollte beim Hersteller nachfragen, damit es bei Garantie- und Versicherungsfragen keine Überraschungen gibt.
Biodiesel ist trotz aller HVO-Aufmerksamkeit weiterhin der mengenmäßig wichtigste Biokraftstoff im Land. Chemisch handelt es sich um Fettsäuremethylester (FAME), hergestellt durch Umesterung von Pflanzenölen oder Altspeisefetten. In Deutschland stammt mittlerweile etwa die Hälfte der Produktion aus gebrauchten Speiseölen. Biodiesel wird überwiegend dem fossilen Diesel beigemischt, an der Zapfsäule erkennbar als B7. Der Inlandsabsatz lag laut der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) 2024 bei rund 2,1 Millionen Tonnen, wobei in dieser Zahl auch HVO-Mengen enthalten sein dürften, da die amtliche Statistik beide Kraftstoffe bis Mitte 2025 gemeinsam erfasst hat. Als stille Beimischung leistet Biodiesel seinen Beitrag, ohne im Rampenlicht zu stehen.
Reines Pflanzenöl erlebt durch die neue Steuerentlastung ebenfalls Rückenwind, besonders bei Betrieben, die auf kurze Wege und eigene Wertschöpfung setzen. Flankiert wird das Ganze durch ein neues Förderprogramm. Die Landwirtschaftliche Rentenbank und das Bundeslandwirtschaftsministerium unterstützen seit Mai 2026 den Kauf von Maschinen, die Biodiesel, Pflanzenöl oder Biomethan nutzen, und beziehen die passende Hoftankstelle in die Förderung mit ein.
Auch international bewegt sich der Markt für erneuerbare Dieselkraftstoffe, allerdings nicht überall in dieselbe Richtung. Die USA waren 2023 laut dem französischen Forschungsinstitut IFPEN mit über 60 Prozent des weltweiten Verbrauchs der mit Abstand größte Einzelmarkt für HVO. Im ersten Quartal 2025 geriet die Branche dort allerdings unter Druck, weil niedrige Gutschriftenwerte und hohe Rohstoffkosten die Margen drückten und mehrere Anlagen stillgelegt wurden. Laut der Internationalen Energieagentur sank die US-Produktion von Biodiesel um 40 Prozent und die von erneuerbarem Diesel um 12 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. In Südamerika verbrauchen Brasilien und Argentinien den Großteil ihres Sojabiodiesels im Inland, Argentinien exportiert darüber hinaus im Rahmen einer EU-Quote rund 1,2 Millionen Tonnen Biodiesel jährlich nach Europa (Stand 2024). In der EU selbst dominierten 2024 laut dem European Biodiesel Board Altspeiseöle und Raps als Rohstoffbasis, Sojaöl spielte mit rund 7 Prozent nur eine untergeordnete Rolle. Die Landwirtschaft ist dabei Abnehmer und Rohstofflieferant zugleich, was die Branche enger an die globalen Kraftstoffmärkte koppelt.
Bei aller Bewegung lohnt der ehrliche Blick auf den Engpass. HVO ist technisch ausgereift und sofort einsatzbereit, doch die verfügbaren Mengen sind begrenzt. Auch die Internationale Energieagentur sieht den Wettbewerb um pflanzliche Öle und Reststoffe als wachsende Herausforderung für die Branche. Altspeiseöle und tierische Fette fallen zwar laufend an, doch die Sammelmengen sind weitgehend ausgereizt, und gleichzeitig greifen Luftfahrt und Schwerlastverkehr nach denselben Quellen.
Die eigentliche Aufgabe liegt damit klar in der Versorgung. Solange die Mengen knapp bleiben, wird HVO in der Landwirtschaft eher ein wachsendes Standbein als ein flächendeckender Ersatz für fossilen Diesel sein.
Es tut sich etwas auf dem Acker. Steuerlich entlastet, technisch freigegeben, in der Förderung angekommen und an immer mehr Tankstellen verfügbar: Erneuerbare Kraftstoffe haben in der Landwirtschaft innerhalb eines Jahres den Sprung vom Hoffnungsträger zum praktischen Baustein geschafft. HVO läuft störungsfrei in modernen Maschinen, Biodiesel bleibt als Beimischung der Mengenbringer, und Pflanzenöl gewinnt auf Höfen mit kurzen Wegen wieder an Reiz.
Wie hoch ist die Agrardiesel-Rückvergütung ab 2026?
Land- und forstwirtschaftliche Betriebe erhalten ab dem 1. Januar 2026 wieder 21,48 Cent je Liter zurück. Die Rechtsgrundlage bildet § 57 des Energiesteuergesetzes.
Gilt die Entlastung auch für HVO, Biodiesel und Pflanzenöl?
Ja. Seit dem 1. Januar 2026 werden auch Pflanzenölkraftstoff, Biodiesel und HVO mit 21,48 Cent je Liter entlastet, sofern sie als Gasöl oder gleichgestelltes Energieerzeugnis eingestuft sind. Die genauen Voraussetzungen hat der Zoll auf zoll.de veröffentlicht.
Kann ich HVO einfach in meinen Traktor tanken?
Bei Maschinen mit Abgasstufe Stage V und entsprechender Herstellerfreigabe ja. CLAAS, MAN und weitere Hersteller haben ihre aktuellen Motoren für HVO nach EN 15940 freigegeben. Bei älteren Maschinen sollte vorab die Freigabe beim Hersteller erfragt werden.
Wo finde ich eine HVO-Tankstelle?
Über 2.000 Straßentankstellen in Deutschland bieten HVO-Produkte an, davon mehrere hundert reines HVO100. Einen Überblick bietet die Tankstellenkarte von eFuelsNow (efuelsnow.de).
Gibt es Fördermittel für den Umstieg?
Die Landwirtschaftliche Rentenbank und das Bundeslandwirtschaftsministerium fördern ab 2026 den Kauf von Maschinen, die Biodiesel, Pflanzenöl oder Biomethan nutzen. Die Förderung umfasst auch die passende Hoftankstelle.
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