Ein kleines Dorf zeigt, dass es auch anders geht.
Ganz Großbritannien ringt mit der Wärmewende. Neue Technik, hohe Investitionen, lange Umbauzeiten. Ganz Großbritannien?
Nein. Ein kleines Dorf in Cornwall geht einen anderen Weg.
Kehelland hat seine Heizungen behalten. Keine neuen Kessel, keine Großbaustellen, keine Komplettsanierung. Stattdessen haben die Menschen dort etwas entschieden, das fast zu einfach klingt: Sie haben den Kraftstoff gewechselt.
Seit mehreren Jahren heizen Haushalte, Kirche und Schule mit HVO, einem erneuerbaren flüssigen Brennstoff, der fossiles Heizöl ersetzt. Die Technik blieb gleich. Die Emissionen nicht.
Was zunächst wie ein lokales Experiment wirkte, ist heute ein belastbarer Praxisbeweis dafür, dass klimaneutrale Wärme nicht auf die nächste Generation von Gebäuden warten muss. Sie kann im Bestand beginnen.
Ein Dorf auf dem Weg zur Klimaneutralität
Kehelland ist keine technologische Pilgerstätte und keine Insellösung. Es ist ein typisches britisches Dorf abseits des Gasnetzes. Für viele Haushalte war fossiles Heizöl lange die einzige praktikable Wärmequelle. Doch vor fünf Jahren begann aus einer Bürgerinitiative ein lokales Projekt, das den Blick auf Alternativen richtete: HVO wurde in Wohnhäusern, der Kirche und der Schule getestet. Die Ergebnisse sind eindeutig und sie beruhen auf realer Nutzung, nicht auf Laborexperimenten.
Im historischen Versuch wurde die vorhandene Heizungstechnik beibehalten und lediglich der Kraftstoff ersetzt. Die Umrüstung kostete die Haushalte im Schnitt nur wenige hundert Pfund (etwa £500, umgerechnet etwa 580€) und war deutlich günstiger als alternative Maßnahmen wie Wärmepumpen oder umfassende Gebäudesanierungen.
Vor allem aber erzielte der Einsatz von HVO eine erhebliche Reduktion der CO₂-Emissionen: Messungen und Erfahrungsberichte deuten auf einen bis zu 88–90 % geringeren CO₂-Ausstoß im Vergleich zu klassischem Kerosin hin, je nach Ausgangssituation.
Für die Menschen vor Ort bedeutet das mehr als nur neue Zahlen auf dem Papier. Mehrere Bewohner berichteten, dass ihre Heizungen ruhiger, sauberer und effizienter liefen, ohne dass die tägliche Nutzung, das Wärmeempfinden oder die Heizkosten spürbar negativ beeinflusst wurden.
Gemeinschaft und Selbstermächtigung
Was Kehelland besonders macht, ist die gemeinschaftliche Dimension. Die Initiative wurde nicht von oben verordnet, sondern ist von der Gemeinde selbst getragen worden. Kirchenvorsteher, Schulverantwortliche und Einzelhaushalte haben gemeinsam Erfahrungen gesammelt, Daten dokumentiert und ihre Ergebnisse transparent gemacht.
Das Ergebnis ist nicht nur eine technische Demonstration, sondern ein sozialer Beweis: nachhaltige Wärmelösungen müssen nicht erst auf Jahrzehnte hinaus geplant werden, sondern können heute funktionieren, ohne große Investitionen, ohne Bauchaos und ohne das komplette Ersetzen bestehender Systeme.
Von Cornwall nach Westminster und zurück
Im Januar 2026 trug die Kehelland-Gemeinschaft ihre Erfahrungen bewusst dorthin, wo in Großbritannien energiepolitische Entscheidungen getroffen werden. Anlass war die Vorstellung des Regierungsprogramms „Warm Homes“, mit dem London eine 15-Milliarden-Pfund-Strategie zur energetischen Modernisierung von Wohnhäusern und zur Senkung der Energiekosten ankündigte.
Am selben Tag reiste eine Delegation aus Dorfbewohnern, Unterstützern und Branchenvertretern in einem vollständig mit HVO betriebenen Bus nach Westminster, dem Sitz des britischen Parlaments in London. Ziel war es, die Perspektive ländlicher Haushalte direkt in die politische Debatte einzubringen.
Ihre Botschaft war bewusst pragmatisch: In Großbritannien leben rund 4,2 Millionen Haushalte in ländlichen Regionen ohne Gasnetzanschluss. Viele von ihnen wollen ihre Emissionen senken, stoßen bei Wärmepumpen oder vollständigen Systemwechseln jedoch an technische und finanzielle Grenzen. Für diese Haushalte braucht es Lösungen, die praktisch, bezahlbar und sofort einsetzbar sind.
Die Delegation forderte daher, HVO im Rahmen der nationalen Dekarbonisierungsstrategien für den Wärmesektor formell anzuerkennen und als Übergangslösung zu unterstützen. Nicht als Gegenentwurf zur Elektrifizierung, sondern als realistische Option für den Bestand, solange umfassende Umbauten für viele Haushalte keine tragfähige Alternative darstellen.
Petitionsaufruf: Deine Stimme zählt
Parallel zur Westminster-Aktion läuft derzeit eine politische Konsultation, die „Stand up for the future of your home heating“–Kampagne, initiiert von Branchenverbänden und Unterstützern erneuerbarer flüssiger Heizlösungen. Haushalte werden aufgerufen, ihre Stimme bis 10. Februar 2026 abzugeben, um sicherzustellen, dass politische Entscheidungsträger wirklich alle Optionen berücksichtigen, einschließlich HVO und anderer erneuerbarer flüssiger Brennstoffe, die in vorhandenen Heizsystemen funktionieren.
Diese Petition unterstreicht eine wichtige Debatte: Wer entscheidet, wie wir unsere Häuser in Zukunft heizen? Und auf welcher evidenzbasierten Grundlage?
Ein Blick NeoFuels-Fazit: Was Kehelland für Deutschland bedeutetnach vorn
Das Beispiel Kehelland ist kein Sonderfall, sondern ein Hinweis darauf, wie Defossilisierung im Bestand funktionieren kann. Nicht als theoretisches Konzept, sondern als praktische Lösung für Haushalte, die heute heizen müssen und nicht erst in zehn oder zwanzig Jahren.
Auch in Deutschland ist die Ausgangslage vergleichbar. Rund 5,5 Millionen Haushalte heizen mit flüssigen Brennstoffen, vor allem in ländlichen Regionen ohne Gasnetzanschluss. Viele dieser Gebäude sind älter, nur eingeschränkt sanierbar oder liegen in Regionen, in denen Wärmepumpen technisch oder wirtschaftlich an Grenzen stoßen. Für diese Haushalte stellt sich weniger die Frage nach dem idealen System, sondern nach einer realistischen Möglichkeit, fossile Energieträger schrittweise zu ersetzen.
Hier setzt die Logik erneuerbarer flüssiger Energieträger an. HVO100 ist in Deutschland bereits verfügbar. An über 250 Tankstellen kann der Kraftstoff heute schon getankt werden, vor allem im Verkehrssektor. Dort wird er zunehmend genutzt, weil er dieseläquivalente Eigenschaften besitzt, ohne Anpassungen im Betrieb erfordert und fossile Emissionen deutlich reduziert.
Technisch ist der Schritt in den Wärmemarkt naheliegend. HVO ist drop-in-fähig, vergleichbar mit Diesel und Heizöl, lagerfähig und kompatibel mit bestehender Infrastruktur. Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern im politischen Rahmen. Während Großbritannien mit lokalen Initiativen wie Kehelland konkrete Erfahrungen sammelt und diese aktiv in Programme wie „Warm Homes“ einbringt, fehlt in Deutschland bislang eine klare Einordnung erneuerbarer flüssiger Brennstoffe im Kontext der Defossilisierung des Wärmesektors.
Das Beispiel aus Cornwall zeigt, wie dieser Weg aussehen kann. Nicht als Ersatz für Elektrifizierung, sondern als Ergänzung. Nicht als Dauerlösung, sondern als Übergang mit sofortiger Wirkung. Gerade für ländliche Räume eröffnet dieser Ansatz die Möglichkeit, fossile Energieträger zu ersetzen, ohne Haushalte mit hohen Investitionskosten oder technischen Risiken zu überfordern.
Die Frage ist daher weniger, ob solche Initiativen nach Deutschland übertragbar sind. Die Voraussetzungen sind bereits vorhanden. Entscheidend ist, wann erneuerbare flüssige Brennstoffe hierzulande politisch als Teil der Defossilisierungsstrategie anerkannt werden.
Kehelland zeigt: Es scheitert nicht an der Technik.
Sondern am politischen Willen.
Informationsquellen: https://futurereadyfuel.info/consultation/, https://fueloilnews.co.uk/2026/01/five-years-of-proof-rural-community-takes-hvo-case-to-westminster/, https://www.youtube.com/watch?v=eN6ERpV0P-k
Bildquelle: Pixabay – Hillbird