Das junge Unternehmen Syntholene Energy will die Wirtschaftlichkeit von synthetischem Flugtreibstoff grundlegend verändern. Der Ansatz: Geothermie als stabile Energiequelle für die Produktion von eSAF (Synthetic Sustainable Aviation Fuel). Die Vision ist ambitioniert: günstiger, klimafreundlicher Treibstoff, möglicherweise sogar konkurrenzfähig mit fossilem Kerosin, basierend auf unternehmenseigenen Modellrechnungen und Annahmen, die sich erst im Betrieb bestätigen müssen.
Ein Börsengang über Umwege
Syntholene Energy wurde 2024 gegründet und startete zunächst als privates Unternehmen mit operativem Fokus in den USA. Ende 2025 ging das Unternehmen über einen sogenannten Reverse Takeover an die Börse: Das kanadische Unternehmen GK Resources übernahm Syntholene und firmierte anschließend unter neuem Namen weiter. Heute ist Syntholene an mehreren Handelsplätzen gelistet, darunter die TSX Venture Exchange in Kanada, die Frankfurter Börse und der US-amerikanische OTC-Markt.
Was Syntholene herstellt und warum das besonders ist
Syntholene produziert keine Kraftstoffe aus biogenen Rohstoffen, sondern synthetisch aus Wasser und Wärme durch chemische Synthese. Das Ergebnis sind molekular reine Kraftstoffe, die bestehende Motoren, Turbinen, Pipelines und Tankfahrzeuge ohne jede Anpassung nutzen können. Laut Syntholene übertrifft das synthetische Kerosin fossiles Jet Fuel sogar in Energiedichte und Schubeffizienz. Das CO2 stammt dabei aus Punktemissionsquellen.
Der eigentliche Hebel liegt bei den Kosten. Aktuelle eSAF-Referenzpreise der europäischen Luftfahrtbehörde EASA liegen im Schnitt bei rund 7.700 Euro pro Tonne — dem Mehrfachen von fossilem Kerosin. Genau hier setzt Syntholene an: Das Unternehmen gibt an, mit seinem Hybrid Thermal Production System rund 70 Prozent günstiger produzieren zu können als die nächstgünstige konkurrierende eSAF-Technologie.
Geothermie als Wettbewerbsvorteil
Der entscheidende Unterschied zu anderen Power-to-Liquid-Ansätzen ist der Energieträger. Statt auf fluktuierenden Wind- oder Solarstrom zu setzen, will Syntholene die konstante Wärme und Elektrizität isländischer Erdwärmequellen nutzen. Geothermische Energie läuft rund um die Uhr mit Kapazitätsfaktoren von über 90 Prozent, ohne wetterbedingte Schwankungen, ohne Speicherbedarf. Für energieintensive Industrieprozesse wie die Kraftstoffsynthese ein Vorteil.
Island ist dabei kein zufälliger Standort. Das Land sitzt auf dem Mittelatlantischen Rücken und verfügt über eine installierte Geothermiekapazität von rund 800 Megawatt elektrisch, die fast 28 Prozent des nationalen Strombedarfs deckt. Über 90 Prozent der isländischen Gebäude werden geothermisch beheizt. Das Potenzial für weitere industrielle Nutzung ist groß.
Im März 2025 sicherte sich Syntholene einen bindenden Vertrag über bis zu 20 Megawatt geothermischer Energie an einem isländischen Standort. Neben Strom liefert die Geothermie auch direkte Prozesswärme, die für die Hochtemperatur-Elektrolyse genutzt werden kann.
Die Demonstrationsanlage nimmt Gestalt an
Als Elektrolyseur-Lieferant für die Anlage wählte Syntholene im Februar 2026 das dänische Unternehmen Dynelectro ApS aus, nach eigenen Angaben nach einer zweijährigen technischen Evaluierung aller relevanten Anbieter. Dynelectros System soll in Kombination mit dem Syntholene-Prozess bis zu 90 Prozent der eingesetzten erneuerbaren Energie in Wasserstoff umwandeln. Im März 2026 folgte die Auswahl von Papadakis Engineering als Integrationspartner für das Wärmetauschersystem.
Parallel schloss Syntholene im März 2026 seinen Conceptual Design Report ab, einen umfassenden technischen Entwurfsbericht mit wirtschaftlicher Modellierung. Die wirtschaftliche Modellierung zeigt laut Syntholene Pfade zu Wasserstoffkosten unter zwei US-Dollar pro Kilogramm, langfristig sogar unter einem Dollar — das Unternehmen betont aber selbst, dass diese Zielwerte keine Garantie darstellen. Zum Vergleich: Aktuelle Marktpreise für grünen Wasserstoff liegen zwischen vier und sechs US-Dollar.
Die Komponenten der Anlage werden derzeit parallel in Harvard, Illinois, in Kopenhagen und in Los Angeles gefertigt. Das System ist modular konzipiert und soll anschließend nach Island transportiert und dort zusammengesetzt werden. Syntholene peilt den Abschluss des ersten Testbetriebs für das vierte Quartal 2026 an.
Icelandair als erster Großabnehmer
Im Januar 2026 unterzeichnete Syntholene eine Absichtserklärung mit Icelandair. Die isländische Fluggesellschaft bekundet darin Interesse an jährlich 20.000 Tonnen eSAF über zehn Jahre — insgesamt rund 250 Millionen Liter — sobald Produktion und Preisgestaltung stimmen. Die Vereinbarung ist unverbindlich, gilt aber als erstes kommerzielles Signal. Icelandair-CEO Bogi Nils Bogason brachte die Ausgangslage auf den Punkt: Die Transformation zur nachhaltigen Luftfahrt werde nur gelingen, wenn Produktion skaliert und Preise wettbewerbsfähig werden.
Parallel schloss Syntholene Anfang März 2026 eine erfolgreiche Finanzierungsrunde ab und nahm 3,75 Millionen US-Dollar ein, die direkt in den Aufbau der Demonstrationsanlage fließen. Die Runde war überzeichnet, die Investorennachfrage überstieg also das ursprünglich geplante Volumen.
Regulierung als Markttreiber
Ein zentraler Treiber für den Markt synthetischer Flugtreibstoffe ist die Regulierung.
Mit der EU-Verordnung „ReFuelEU Aviation“ wurden verbindliche Quoten für nachhaltige Flugkraftstoffe eingeführt. Diese verpflichten Fluggesellschaften und Treibstoffanbieter dazu, steigende Anteile an SAF beizumischen.
Besonders relevant sind dabei synthetische Kraftstoffe (eSAF), für die eigene Mindestquoten gelten:
– ab 2030 rund 1,2–1,3 %
– bis 2050 ein Anteil von bis zu 35 %
Damit entsteht ein Markt, der nicht allein über den Preis funktioniert, sondern regulatorisch vorgegeben ist.
Produktionssystem von Syntholene im Zentrum
Die Kernkompetenz von Syntholene ist ein eigenes Produktionsverfahren, das Unternehmen als Hybrid Thermal Production System bezeichnet.
Der Ansatz kombiniert Strom und Hochtemperaturwärme, um synthetische Kraftstoffe herzustellen. Grundsätzlich lassen sich damit Kerosin, Diesel und Benzin produzieren.
Alle Produkte sind laut Syntholene „Drop-in“-fähig, also kompatibel mit bestehender Infrastruktur wie Motoren, Turbinen und Pipelines, ohne technische Anpassungen.
Damit positioniert sich Syntholene in einem entstehenden Markt, der durch Regulierung, technologische Entwicklung und steigende Nachfrage geprägt ist. Mit der Demonstrationsanlage in Island will das Unternehmen zeigen, wie sich dieses Konzept im industriellen Maßstab umsetzen lässt.
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