Startseite Allgemein e-Kerosin aus Brandenburg: 350 Millionen Euro für Schwedt
e-Kerosin aus Brandenburg: 350 Millionen Euro für Schwedt

Schwedt an der Oder ist eine Stadt mit einer langen Raffinerie-Geschichte. Seit den 1960er Jahren laufen hier die Anlagen der PCK-Raffinerie, die zu 95 Prozent die Berliner Region mit Kraftstoffen versorgen. Eine Pipeline führt direkt zum Flughafen BER. Auf dem gleichen Gelände soll ab 2028 gebaut und ab 2030 synthetisches Kerosin, also e-Kerosin, produziert werden. Hergestellt aus regionalem Ökostrom und biogenem CO₂, ohne einen Tropfen Rohöl.

Das Konsortium Brandenburg eSAF, bisher unter dem Namen Concrete Chemicals bekannt und getragen von ENERTRAG und Zaffra, hat im Mai 2026 den Förderbescheid erhalten. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke übergaben ihn persönlich vor Ort bei PCK: 350 Millionen Euro aus Bundes- und Landesmitteln, aufgeteilt in 245 Millionen vom Bund und 104 Millionen vom Land Brandenburg. Das Konsortium bezeichnet die Förderung als die bislang größte staatliche Unterstützung für ein Power-to-Liquid-Projekt in Europa. Die Gesamtinvestition übersteigt 500 Millionen Euro.

Der Weg zum e-Kerosin: Wasserstoff trifft CO₂

Das Verfahren hinter dem Projekt heißt Power-to-Liquid. Ausgangspunkt ist Ökostrom aus Wind- und Solaranlagen der Region, geplant mit einer Gesamtleistung von rund 240 Megawatt. Per Elektrolyse wird damit Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Den Wasserstoff verbindet die Anlage anschließend mit biogenem CO₂, das die Schwedter Papierfabrik LEIPA Georg Leinfelder aus ihrem Produktionsprozess liefert. Aus diesem Gemisch entsteht über die Fischer-Tropsch-Synthese ein synthetischer Kohlenwasserstoff, der in einem letzten Schritt zu fertigem Kerosin veredelt wird.

Den Wasserstoff bezieht die Anlage größtenteils über die Gascade-FLOW-Pipeline aus dem deutschen H₂-Kernnetz. Eine eigene Elektrolyseanlage am Standort ergänzt die Versorgung. Der jährliche Strombedarf von rund 500 Gigawattstunden entfällt dabei nicht allein auf die Elektrolyse, sondern auf den gesamten Produktionsprozess einschließlich der Syntheseschritte. Das entspricht dem Jahresverbrauch von etwa 125.000 Vier-Personen-Haushalten.

Das entstehende Kerosin ist eine sogenannte Drop-in-Lösung: chemisch identisch mit fossilem Jet-A1, zertifiziert nach dem ASTM-Standard (der international maßgeblichen Norm für Luftfahrtkraftstoffe, herausgegeben von der amerikanischen Standardisierungsorganisation ASTM International) und ohne jede Anpassung an Flugzeuge oder Tankinfrastruktur einsetzbar. Die Treibhausgasbilanz über den gesamten Lebenszyklus liegt mehr als 90 Prozent unter der eines konventionellen Kerosins.

Was die e-Kerosin Anlage leisten soll

Ab 2030 soll Brandenburg eSAF jährlich mehr als 30.000 Tonnen e-SAF produzieren, dazu rund 7.000 Tonnen e-Naphtha. Damit würde die Anlage etwa ein Viertel der deutschen Verpflichtung unter der EU-Verordnung ReFuelEU Aviation abdecken, die ab 2030 einen Mindestanteil von 1,2 Prozent strombasiertem Kerosin an allen Abflügen aus europäischen Flughäfen vorschreibt.

Das Engineering läuft seit April 2026 unter der Griesemann Group, der finale Investitionsentscheid ist für Ende 2027 geplant. Rund 150 dauerhafte Fachkräftestellen entstehen am Standort Schwedt, während der Bauphase bis zu 1.500 Stellen in der weiteren Region.

Das strukturelle Problem des SAF-Marktes

Was das Projekt technisch leisten soll, ist weitgehend erprobt. Alle Einzelkomponenten (Elektrolyse, Fischer-Tropsch-Synthese, Hydroprocessing) sind aus anderen Anwendungen bekannt. Die eigentliche Herausforderung liegt woanders: im Markt.

Konventionelles Kerosin kostet, was es kostet. Biokerosin, das heute den Großteil des verfügbaren SAF ausmacht, ist laut dem internationalen Airline-Verband IATA bereits zwei- bis fünfmal teurer. Strombasiertes e-Kerosin liegt derzeit noch deutlich darüber. Fluggesellschaften warten auf sinkende Preise, bevor sie langfristige Abnahmeverträge unterzeichnen. Produzenten brauchen genau diese Verträge, um Banken und Investoren überhaupt zu überzeugen. Dieses Henne-Ei-Problem ist das eigentliche Strukturproblem des europäischen SAF-Hochlaufs.

Das Konsortium setzt auf mehrere Hebel gleichzeitig: staatliche Anschubfinanzierung, eine vom Bund geplante zweiseitige e-SAF-Auktion im Volumen von rund zwei Milliarden Euro sowie frühe Gespräche mit Fluggesellschaften und Kraftstoffhändlern. Die geopolitisch bedingte Verteuerung von fossilem Kerosin seit Anfang 2026 verringert den Preisabstand und gibt dem Projekt dabei etwas mehr Spielraum.

Langfristig sieht das Konsortium e-SAF gegenüber Biokerosin im Vorteil. Denn die Produktion ist an keine begrenzte Rohstoffbasis gebunden. Solange Wind und Sonne verfügbar sind, lässt sich die Kapazität skalieren.

Die Beteiligten vorgestellt

ENERTRAG ist ein Erneuerbaren-Energien-Unternehmen mit Hauptsitz in Dauerthal in der Uckermark — geografisch also unmittelbar in der Projektregion verwurzelt. Gegründet 1998 vom Kernphysiker Jörg Müller, hat sich das Unternehmen vom regionalen Windparkbetreiber zu einem international tätigen Konzern entwickelt, der heute in zehn Ländern auf vier Kontinenten aktiv ist. ENERTRAG plant, baut und betreibt Wind- und Solaranlagen sowie Power-to-Gas-Projekte und verfügt über ein eigenes Einspeise- und Wasserstoffnetz in der Uckermark. Beim Projekt Brandenburg eSAF verantwortet ENERTRAG die Erneuerbare-Energien-Versorgung und die Wasserstofferzeugung.

Zaffra ist ein Joint Venture, das erst 2023 gegründet wurde und sich ausschließlich auf Power-to-Liquid-Technologie spezialisiert. Hinter Zaffra stehen zwei etablierte Industriekonzerne: das dänische Unternehmen Topsoe, spezialisiert auf Katalyse und saubere Energietechnologien, sowie der südafrikanische Chemie- und Energiekonzern Sasol, der seit Jahrzehnten industrielle Fischer-Tropsch-Verfahren betreibt. Zaffra bringt beim Projekt die G2L-eFuels-Plattform ein, die Topsoes eREACT-Technologie mit Sasols Niedertemperatur-Fischer-Tropsch-Synthese kombiniert.

PCK Raffinerie GmbH ist Betreiberin des Industriestandorts Schwedt und stellt das Gelände und die vorhandene Kraftstoffinfrastruktur zur Verfügung. PCK versorgt rund 95 Prozent des Berliner und Brandenburgischen Kraftstoffbedarfs und ist über eine direkte Pipeline mit dem Flughafen BER verbunden. Die Raffinerie ist kein direkter Projektträger von Brandenburg eSAF, bildet aber die industrielle Grundlage, auf der das Projekt aufbaut.

LEIPA Georg Leinfelder ist eine Papierfabrik in Schwedt, die biogenes CO₂ aus ihrem Produktionsprozess als Rohstoff in die e-Kerosin-Produktion einspeist. Das Unternehmen ist damit ein wesentliches Element der lokalen Kreislaufwirtschaft, die das Projekt auszeichnet: Rohstoffe aus der Region, Strom aus der Region, Produktion in der Region.

Griesemann Group ist das Ingenieurunternehmen, das seit April 2026 das Engineering für die Anlage verantwortet und dabei Erfahrung aus dem Chemie- und Energieanlagenbau einbringt.


Das Wichtigste in kurz

Was entsteht in Schwedt?

Eine Power-to-Liquid-Anlage, die ab 2030 jährlich mehr als 30.000 Tonnen e-Kerosin produziert — synthetischen Flugkraftstoff ohne Rohöl.

Was ist e-Kerosin überhaupt?

Eine Unterform von SAF (Sustainable Aviation Fuel), hergestellt aus grünem Wasserstoff und CO₂ statt aus Rohöl oder Biomasse. Chemisch identisch mit konventionellem Kerosin, kompatibel mit allen bestehenden Flugzeugen.

Wer steht hinter dem Projekt?

Das Konsortium Brandenburg eSAF, getragen von ENERTRAG und Zaffra. CO₂ liefert die Schwedter Papierfabrik LEIPA, den Wasserstoff größtenteils die Gascade-FLOW-Pipeline aus dem deutschen H₂-Kernnetz.

Woher kommt der Strom?

Aus regionalen Wind- und Solaranlagen mit rund 240 Megawatt Gesamtleistung. Der Jahresbedarf der Anlage liegt bei rund 500 Gigawattstunden.

Wie viel kostet das, und wer zahlt?

Die Gesamtinvestition übersteigt 500 Millionen Euro. Bund und Land Brandenburg fördern mit zusammen 350 Millionen Euro — 245 Millionen vom Bund, 104 Millionen vom Land.

Wann läuft die Anlage?

Baubeginn 2028, Produktionsstart 2030. Der finale Investitionsentscheid fällt Ende 2027.

Wie gut ist die Klimabilanz?

Mehr als 90 Prozent weniger Treibhausgase über den Lebenszyklus gegenüber fossilem Kerosin — vorausgesetzt, der Strom stammt aus erneuerbaren Quellen.

Welchen Anteil deckt die Anlage ab?

Etwa ein Viertel der deutschen Pflichtquote unter ReFuelEU Aviation, die ab 2030 einen Mindestanteil von 1,2 Prozent e-Kerosin an allen Abflügen aus europäischen Flughäfen vorschreibt.

Warum ist e-Kerosin noch so teuer?

Der Prozess ist energieintensiv, die Anlagen kapitalaufwendig. Biokerosin kostet laut IATA bereits zwei- bis fünfmal so viel wie fossiles Kerosin — e-Kerosin liegt derzeit noch deutlich darüber.

Bildquelle: Shutterstock / Sergey Kohl

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