70 von 100 Lkw fahren bereits mit Gas. Nicht irgendwo in einem Pilotprojekt, sondern im täglichen Einsatz eines mittelständischen Familienunternehmens aus Niedersachsen. Die Hilker GmbH & Co. KG aus Friesoythe macht vor, was viele noch für Zukunftsmusik halten: die systematische Umstellung einer Schwerlastflotte auf Bio-LNG. Und sie ist damit nicht allein.
Volvo meldet Großaufträge – ein Signal für den Markt
Mitte März 2026 gab Volvo Trucks bekannt, dass mehrere deutsche Speditions- und Logistikunternehmen zwischen 25 und 50 gasbetriebene Sattelzugmaschinen des Typs Volvo FH Gas Powered bestellt haben. Weltweit hat Volvo inzwischen mehr als 10.000 gasbetriebene Lkw verkauft. Der größte Markt ist Großbritannien, gefolgt von Deutschland, vor Schweden, den Niederlanden, Norwegen und Frankreich.
„Unsere gasbetriebenen Lkw sind keine Brückentechnologie“, sagt Gregor Frieb, Manager Business Development bei Volvo Trucks Deutschland. „Sie sind gekommen, um zu bleiben, als echte Alternative, mit der unsere Kunden sofort CO₂-Emissionen reduzieren und gleichzeitig wirtschaftlich fahren können.“
(Quelle: Pressemitteilung Volvo Trucks Deutschland, März 2026)
Das Beispiel Hilker: 70 Prozent Gasflotte im Alltag
Das Familienunternehmen Hilker GmbH & Co. KG betreibt 100 Sattelzugmaschinen – davon bereits 70 mit Gasantrieb und zwei elektrisch. In der aktuellen Bestellung wurden 25 LNG-Fahrzeuge ausgeliefert, zehn weitere bestellt.
Geschäftsführer Stefan Hilker räumt mit einem hartnäckigen Vorurteil auf: „Den Mythos, dass LNG dauerhaft zu teuer sei, kann ich nicht bestätigen. In der Gesamtbetrachtung waren wir seit 2020 mit LNG wirtschaftlicher unterwegs als mit dieselbetriebenen Fahrzeugen.“
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine stiegen die LNG-Preise 2022 kurzzeitig deutlich – das stimmt. Langfristig aber zeigt die Rechnung: Bio-LNG lohnt sich. Die Kostenvorteile gegenüber Diesel fallen beim Einsatz von Bio-LNG laut Hilker nochmals deutlicher aus als bei fossilem LNG. Verlässliche Vertragsmodelle mit Versorgern – Festpreise, Kontingentlösungen, Preisgarantien – verschaffen Planungssicherheit, die fossiler Diesel nicht bieten kann.
Was die Zahlen zum deutschen Markt sagen
Das Beispiel Hilker steht nicht für sich allein. Der deutsche Markt für Bio-LNG hat sich in den vergangenen Jahren still und leise zu einem der bedeutendsten in Europa entwickelt – mit einem bemerkenswerten Befund.
Im Jahr 2025 wurden an deutschen LNG-Tankstellen insgesamt 166.513 Tonnen LNG verkauft. Davon waren 98,5 Prozent Biomethan. Fossiles LNG ist im Schwerlastverkehr damit faktisch verschwunden. Laut Umweltbundesamt konnten durch den Einsatz von Biomethan im Jahr 2024 rund zwei Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente im Verkehrssektor eingespart werden.
Die Infrastruktur trägt diese Entwicklung: Über 199 LNG-Tankstellen stehen in Deutschland zur Verfügung, nahezu alle liefern Bio-LNG.
(Quellen: Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft e.V., Februar 2026 / Umweltbundesamt)
Was Bio-LNG ist und warum es für den Schwerlastverkehr passt
Bio-LNG ist verflüssigtes Biomethan, hergestellt aus organischen Abfällen wie Gülle, Lebensmittelresten oder Klärschlamm. Es ist chemisch identisch mit fossilem LNG, verbrennt in denselben Motoren und wird über dieselbe Infrastruktur verteilt.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Herkunft des Kohlenstoffs. Beim fossilen LNG wird gebundener Kohlenstoff freigesetzt, der Jahrmillionen im Boden lag. Beim Bio-LNG zirkuliert derselbe Kohlenstoff, der zuvor in organischem Material gespeichert war, der Kreislauf bleibt geschlossen. Tank-to-Wheel lassen sich damit CO₂-Emissionen um bis zu 100 Prozent gegenüber fossilem Diesel reduzieren, bilanziell betrachtet.
Für den Schwerlastverkehr ist das besonders relevant, denn batterieelektrische Antriebe stoßen hier an physikalische Grenzen: zu schwer, zu wenig Reichweite, zu lange Ladezeiten für den Fernverkehr. Bio-LNG bietet vergleichbare Zugkraft, Fahrdynamik und Reichweite wie Diesel und das mit bestehender Motorentechnologie.
Ein weiterer Aspekt, der oft übersehen wird: Bio-LNG wird fast ausschließlich von deutschen Erzeugern im ländlichen Raum produziert. Das bedeutet regionale Wertschöpfung und Energieunabhängigkeit, ein Argument, das in Zeiten geopolitischer Unsicherheit an Gewicht gewonnen hat.
Die offene Flanke: Regulierung bremst den Hochlauf
Die Zahlen sind beeindruckend und trotzdem stagniert der Gesamtabsatz. Im Jahr 2025 wurden 166.513 Tonnen Bio-LNG verkauft, 2024 waren es noch 176.814 Tonnen. Der Rückgang ist kein Technologieproblem. Es ist ein Regulierungsproblem.
Der Verband Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft benennt die Ursache klar: Bio-LNG-Lkw zahlen seit Januar 2024 wieder die volle Maut, gleichgestellt mit fossilen Diesel-Fahrzeugen. Steuerliche Erleichterungen, wie sie batterieelektrische Fahrzeuge erhalten, fehlen für Biokraftstoffe vollständig. Und in den EU-weiten CO₂-Flottengrenzwerten für Lkw wird Bio-LNG kaum berücksichtigt.
„Es ist kaum vermittelbar, dass Bio-LNG-Lkw trotz nahezu emissionsfreiem Betrieb die gleiche Maut zahlen wie fossile Diesel-Fahrzeuge“, sagt Dr. Timm Kehler, Vorstand des Verbandes. „Die Branche hat geliefert, doch die Politik bleibt zu passiv.“
NeoFuels-Einordnung
Bio-LNG ist kein Zukunftsversprechen. Es ist eine funktionierende Klimaschutzlösung, die heute verfügbar ist, wirtschaftlich funktioniert und in Deutschland schon zwei Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr einspart.
Das Beispiel Hilker zeigt: Der Umstieg auf erneuerbare Kraftstoffe im Schwerlastverkehr ist möglich – ohne Systemwechsel, ohne neue Infrastruktur, ohne Wartezeit. Bio-LNG ergänzt HVO im Diesel-Segment, E-Fuels in der Luftfahrt und die Elektromobilität im Pkw-Bereich. Die Energiewende im Verkehr braucht alle diese Bausteine.
Was sie auch braucht: faire politische Rahmenbedingungen für alle klimafreundlichen Kraftstoffe, nicht nur für die, die am lautesten diskutiert werden.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen LNG und Bio-LNG? LNG ist verflüssigtes Erdgas, daher fossil. Bio-LNG ist verflüssigtes Biomethan aus organischen Abfällen. Chemisch identisch, aber bilanziell CO₂-neutral, da der Kohlenstoff aus erneuerbaren Quellen stammt.
Können bestehende LNG-Lkw auch Bio-LNG fahren? Ja. Bio-LNG ist vollständig kompatibel mit allen LNG-fähigen Motoren. Die Umstellung betrifft nur den Kraftstoff, nicht das Fahrzeug.
Wie viele LNG-Tankstellen gibt es in Deutschland? Über 199 und nahezu alle liefern inzwischen Bio-LNG. Die Infrastruktur ist für den Fernverkehr auf den Hauptkorridoren ausreichend vorhanden.
Warum stagniert der Absatz trotz guter Marktlage? Die fehlende Mautbefreiung für Bio-LNG-Lkw und das Fehlen steuerlicher Erleichterungen bremsen den Hochlauf. Batterieelektrische Fahrzeuge genießen politische Vorteile, die Bio-LNG bislang verwehrt bleiben.
Wie viel CO₂ spart Bio-LNG gegenüber Diesel? Laut Volvo Trucks bis zu 100 Prozent Tank-to-Wheel gegenüber fossilem Diesel, bilanziell betrachtet. Das Umweltbundesamt beziffert die Gesamteinsparung durch Biomethan im deutschen Verkehrssektor für 2024 auf rund zwei Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente.
Bildquelle: Volvo Trucks