Der polnische Energiekonzern ORLEN hat in Płock eine neue HVO-Anlage in Betrieb genommen. Mit einer Nennkapazität von rund 300.000 Tonnen jährlich ist sie eine der größten ihrer Art in Mitteleuropa. Die Investition hat ein Volumen von mehr als 800 Millionen Polnischen Zloty und sie markiert einen klaren strategischen Schritt: weg von der Abhängigkeit externer Biokraftstofflieferanten, hin zu einer eigenständigen, inländischen Wertschöpfungskette.
Von der Raffinerie zur Biokraftstofffabrik
Die neue Anlage in Płock verarbeitet Rapsöl, gebrauchtes Speiseöl (Used Cooking Oil, UCO) sowie Mischfeedstocks zu hochwertigen erneuerbaren Kraftstoffkomponenten für den Straßenverkehr. Laut Orlen lassen sich, im Vergleich zu konventionellen Kraftstoffen, mit HVO aus diesen Rohstoffen die Treibhausgasemissionen um mindestens 65 Prozent senken.
Mit der Inbetriebnahme steigt die gesamte Biokraftstoffproduktionskapazität der ORLEN-Gruppe auf rund 700.000 Tonnen pro Jahr. Bis 2030 soll dieser Wert auf 1,1 Millionen Tonnen ausgebaut werden. Parallel dazu hat ORLEN zwei bestehende Diesel-Entschwefelungsanlagen in Płock auf die Mitverarbeitung von Pflanzenölen umgerüstet und damit die jährliche Verarbeitungskapazität um mehr als 100.000 Tonnen erhöht.
Nationale Rohstoffbasis statt Importabhängigkeit
Was den Ansatz von ORLEN besonders macht: Die Anlage soll nicht nur produzieren, sondern eine vollständige nationale Versorgungskette aufbauen. Unter dem Programm „Catch Crops for Biofuels“ arbeitet ORLEN mit Landwirten, Industriepartnern und Technologieanbietern zusammen, um heimische Rohstoffe für die Zweitgenerationsbiokraftstoffproduktion zu entwickeln. ORLEN gibt bereits heute jährlich rund fünf Milliarden Zloty für den Einkauf von Rohstoffen polnischer Landwirte aus.
ORLEN-Vorstandschef Ireneusz Fąfara bezeichnete die neue Anlage als Beitrag zur Versorgungssicherheit Polens: Die eigene HVO-Produktion stärke die Kontrolle über ein strategisch wichtiges Marktsegment und reduziere die Anfälligkeit gegenüber externer Marktvolatilität.
Relevanz für den europäischen Markt
Die Inbetriebnahme fällt in eine Zeit wachsender regulatorischer Anforderungen. Die polnische nationale Biokraftstoffquote liegt 2026 bei zehn Prozent. Gleichzeitig verschärft das EU-Rahmenwerk RED III die Anforderungen an erneuerbare Kraftstoffkomponenten im Transportsektor. ORLEN positioniert sich damit nicht nur als nationaler Produzent, sondern als möglicher Lieferant für den gesamten europäischen Bedarf. Die Anlage soll zunächst den Inlandsmarkt bedienen, ist aber skalierbar ausgelegt.
Für den deutschen und mitteleuropäischen Markt ist das relevant: ORLEN betreibt in Deutschland ein wachsendes Tankstellennetz und hat zuletzt auch SAF-Lieferketten in den baltischen Staaten und Polen ausgebaut. Die neue HVO-Anlage in Płock ergänzt diesen Ausbau auf der Produktionsseite.
ORLEN bei NeoFuels: Eine Geschichte in drei Kapiteln
Die neue HVO-Anlage in Płock ist nicht der erste ORLEN-Meilenstein, über den NeoFuels berichtet. Im Juli 2025 vermeldete der Konzern den Start des SAF-Verkaufs an den polnischen Flughäfen Warschau, Kraków und Katowice, damals noch ein nationaler Vorstoß. Nur zwei Monate später folgte die Ausweitung ins Baltikum: Vilnius, Riga und Tallinn wurden über das Verteilnetz von ORLEN Lietuva an die SAF-Versorgung angeschlossen.
Was sich damals als Vertriebsstrategie abzeichnete, bekommt mit der Inbetriebnahme in Płock nun ein produktionsseitiges Fundament. ORLEN schließt damit die Lücke zwischen Versprechen und Lieferfähigkeit: Wer SAF in den Markt bringen will, muss es irgendwann auch selbst herstellen können.
Das Wichtigste in kurz
Was ist das Projekt? Eine neue HVO-Produktionsanlage des polnischen Energiekonzerns ORLEN am Standort Płock, die erneuerbare Kraftstoffe für den Straßenverkehr herstellt.
Wer steckt dahinter? ORLEN, einer der größten Energiekonzerne Mitteleuropas mit Sitz in Płock, Polen, unter anderem bekannt durch ein wachsendes Tankstellennetz auch in Deutschland.
Wie groß ist die Anlage? Nennkapazität: rund 300.000 Tonnen HVO pro Jahr. Damit steigt die Gesamtkapazität der ORLEN-Gruppe auf rund 700.000 Tonnen jährlich.
Wie hoch sind die Investitionen? Mehr als 800 Millionen Polnische Zloty.
Ist die Anlage bereits in Betrieb? Ja – die Anlage wurde offiziell in Betrieb genommen. Die ersten Liefermengen gehen an den polnischen Inlandsmarkt.
Welche Rohstoffe werden eingesetzt? Rapsöl, gebrauchtes Speiseöl (UCO) und weitere Mischfeedstocks – schwerpunktmäßig aus polnischer Landwirtschaft.
Wie viel CO₂ wird eingespart? Im Vergleich zu fossilen Kraftstoffen reduziert HVO aus diesen Rohstoffen die Treibhausgasemissionen um mindestens 65 Prozent.
Was ist das strategische Ziel? ORLEN will eine vollständige nationale HVO-Wertschöpfungskette aufbauen – von der Rohstoffbeschaffung bei polnischen Landwirten bis zur Kraftstoffproduktion – und die Abhängigkeit von Biokraftstoffimporten reduzieren. Bis 2030 soll die Gesamtkapazität auf 1,1 Millionen Tonnen ausgebaut werden.
Welche regulatorischen Rahmenbedingungen treiben das Projekt? Die polnische Biokraftstoffquote von zehn Prozent (2026) sowie das EU-Rahmenwerk RED III, das steigende Anforderungen an erneuerbare Kraftstoffanteile im Transportsektor vorschreibt.
Bildquelle: ORLEN